Jörg - Gösta Trottier   Life-Coach bei Desorganisation

Operativ-Ambulante Hilfe bei desorganisiertem Wohnen und Logistik-Koordination

Neu-Organisation erleben und lebenswert leben

Der Start

Meist vorangegangene, therapeutische Gespräche leiten eine vorsichtige Annäherung 

mit den betroffenen Klienten zur Bewältigung seines Problems ein.

  • Die akute Meldung von Hausverwaltungen, Betreuern ggf. des Sozial-Psychiatrischen Dienstes
  • Ein verständnisvolles, diskretes Vorgespräch baut das Vertrauen mit dem Betroffenen auf.
  • Bei der Wohnungsbesichtigung wird eine Vorkalkulation inkl. Protokoll wie folgt erstellt                                (ggf. mit Fotostrecke falls gewünscht) und eine Zielvereinbarung geschlossen

Siehe auch Rubrik Kontakt und Kosten



 Die pragmatische Hilfe:

  • Raum schaffen für die Selektion der zu entfernenden Dinge 

     finden von "Ordnungsinseln, (z.B. Stores, Keller, Garage, leere Zimmer)

  • Selektion nach Material: Kunststoff – Papier – Glas - Textilien – Mischmüll & Unrat – Speisen
  • Sortierung und Auslagerung von vielfach vorhandenen, angebrauchten,                                        oder  funktionsuntüchtigen Dingen, die Wertvolles überdecken, Schicht für Schicht zur...
  • Gleichzeitigen, vorsichtigen Selektion von essenziell wichtigen und wertvollen Dingen                (Wertgegenstände, Börsen, Urkunden, Bilder, Dokumente, Bücher, Erinnerungen)
  • Abfuhr der selektierten, wertlosen  Materialien,des organischen Mülls, ggf. Sperrmüll und              unbrauchbarer Hausrat zur Entsorgung Deponie BSR Gradestraße 77, 12347 Berlin
  • Transport in geeigneten, reißfesten Transportsäcken und Kartonagen 
  • Endreinigung der Wohnung durch fachlich versierte Reinigungskräfte kann veranlasst werden                   
  • Erstellung von Ordnungssystemen (Regale, Boxen, Ordner,  ggf. neue Schränke)  
  • Die optionale Auslagerung in Container, Garage oder Store,                                                            als Möglichkeit der späteren Feinsortierung. Dabei gilt beim Einlagern die Faustregel:                            Pro m² Lagerfläche werden Gegenstände für rund 10-15 m² Wohnfläche gelagert,                            das sind bei 90 m² Wohnfläche minimal 10 m² Lagerraum                                                                
  • 20 Kartons = 3 – 5 m³
  • 35 Kartons = 6 – 8 m³
  • 50 Kartons = 10 – 15 m³

     1 Zimmer: ca. 8 m³ - 2 Zimmer: ca. 15 m³ - 3 Zimmer: ca. 20 m³ - 4 Zimmer: ca. 30 – 45 m³                                                                                                                                             

Das Ziel

Endabnahme der Wohnung nach erfolgreicher, pragmatischer Abhilfe                                                      mit Fotodokumentation und ggf.Teilnahme des Vermieters oder/und des Betreuers

     


Das Messie-Syndrom als Krankheit ggf. auch für Nichteinsichtige Messies

Oft wird bei schweren Fällen begleitend, als Therapie für das Pathologische Horten, oder Zwangshorten, die Psychotherapie, insbesondere die Kognitive Verhaltenstherapie, sowie die medikamentöse Behandlung empfohlen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Juni 2018 die 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (engl. International Classification of Diseases) ICD-11 vorgestellt.

In der ICD-11 wird das Pathologische Horten unter der Codierung ICD-11 6B24 geführt.

(vgl. WHO 2017WHO 2018)

Die American Psychiatric Association (APA) hat das Pathologisches Horten als so genannte                Hoarding Disorder in die 5. Revision des                                                                                              Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders - DSM-5 aufgenommen (Ziffer 300.3).


      Die Nachsorge

  • Fortlaufende, fachliche, psychosoziale Gespräche gegen die Verlustangst und für die Neuorientierung
  • Leitmotive, Visionen, neue Zeitstrukturen und neue Perspektiven aufbauen
  • Therapien beginnen, oder weiterführen, gegen evtl. Psychosen oder Depressionen
  • Besuch von Selbsthilfegruppe 

   

 Der Vorteil des Neuanfangs, als Ziel die Verbesserung der Lebensqualität und Lebensfreude       

  • Erhalt der Wohnsituation, der Mietsache und das weitere, problemlose Auskommen                          mit Nachbarn und Vermietern
  • Besuche von Freunden, Bekannten und Verwandten ermöglichen 
  • Nicht zuletzt Erhalt der Sicherheit:                                                                                                Für die Betroffenen besteht ggf. Lebensgefahr durch Verunfallung, Infektion und allergische Attacken!
  • Selbsthilfe-Gruppen besuchen, ggf. therapeutische Einrichtungen ! 
  • Leider liegt der Prozentsatz von suchtgefährdeten Personen bei 42% - auch dort ist Hilfe dringend nötig

     z.B. http://www.tannenhof.de/   &.   http://messiehilfe-berlin.de/


 
Die Praxis 

 Ein Verhalten ist typisch für einen Messie, aus Scham keinen Besuch mehr zu  empfangen.

 Folge: Soziale Isolation 

 Aber ein wichtiger, erster Schritt ist die Erkenntnis:

 Ich kriege das nicht mehr geregelt und brauche Hilfe!  

 Denn, nicht jede unordentliche, oder verschmutzte Wohnung gibt Hinweis auf einen "Messie".

 Es handelt sich bei den Betroffenen nicht um verwahrloste Menschen im üblichen Sinn. 

 In den meisten  Fällen wollen diese  Menschen Ordnung halten, sie sind damit aber überfordert.

In der Kindheit  nach  Ursachen für das Problem zu suchen, ist nicht als drängendste Aufgabe zu sehen.:    “Davon wird die  Wohnung nicht ordentlicher.”                                                                                       Es gilt vielmehr einen Plan zu erstellen, wie das Problem ganz pragmatisch gelöst werden kann.

Sich zunächst kleine "Ordnungsinseln" zu schaffen und diese Ordnung dann auch bewusst zu genießen,

gehört zu den Arbeitstechniken. Perfektionismus sollte dabei vermieden werden,

80%  Erfolg reichen auch schon :-)

 

Das Nachwort von Albrecht von Lucke 

(Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik in Berlin)

 Symptom der Moderne  

Unlängst war in einem Internet-Portal folgende Meldung zu lesen:

 »Frau in den USA starb unter Müllberg im Haus<<.           

Nach Angaben der Polizei ist die Frau, die durch ihren Mann als vermisst gemeldet worden war, unter den Müllhaufen in ihrer Wohnung erstickt.« Schenkt man Statistiken Glauben, handelt es sich bei die­sem Vorfall keineswegs um einen Einzelfall. Es gibt vielmehr unzählige solcher bis an die Decke vollgestopften Wohnungen, in denen sich die Bewohner wie Höhlen­menschen in schmalen Gängen ihren Weg zu ihren Rastplätzen bahnen.

Der Messie oder der Chaosmensch

Wenn vor 20 Jahren von Vermüllung die Rede war, dann war meist die von Städten und Landschaften gemeint. Heute haben wir es mit einem psychischen oder charak­terologischen Phänomen zu tun,das in seiner klinischen Variante auch als »Vermül­lungssyndrom« bekannt ist. 

Landläufig wer­den diese Personen verniedlichend »Mes­sies« genannt – von englisch »Mess« für Un­ordnung oder Durcheinander. Man könnte vom »Chaosmenschen« sprechen. Sein äu­ßerer Zustand ist dabei nur die Widerspie­gelung innerer Zustände, nämlich das äu­ßerlich sichtbare Spiegelbild des inneren Chaos: Der Müll verweist auf die Unfähig­keit, das eigene Leben sinnvoll zu ordnen.

Messies sind schlicht unfähig, Gegen­stände nach dem Kriterium brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden.               

Das Glei­che gilt für ihr sonstiges Leben: Auch in ihm gelingt diesen Menschen keine sinn­volle Ordnung.

Der vermüllte Mensch kann nicht mehr zwischen »verwertbaren«, sinn­voll fortsetzungsfähigen, und unverwertba­ren Anteilen seiner Biografie unterschei­den. Alles wird zu einem potenziellen An­fang, einmal angefangene und wieder abge­rissene Lebensstränge überlagern sich in wildem Durcheinander.                     Mit tragischer Kon­sequenz, denn nichts kann deshalb endgül­tig beendet oder abgeschlossen werden.

Der Messie als Symptom

Der Chaosmensch erscheint seiner Um­welt als hochgradig irrational und patho­logisch; er rührt an die Grundfesten des bürgerlichen Charakters, der in der kapita­listischen Arbeitsgesellschaft mit ihrer protestantischen Arbeitsmoral seine mar­kante Ausformung erfahren hat.

Dass die äußere Vermüllung laut psy­chologischen Befunden die innere wider­spiegelt, ist aber nur die eine Seite der Me­daille. Aus gesellschaftlicher Sicht wäre zu fragen, inwieweit dieses innere Chaos nicht die Widerspiegelung einer zuneh­mend chaotischen Außenwelt ist, die ih­rerseits immer weniger zwischen Wert­vollem und Wertlosem unterscheidet. Dann wäre der Messie weniger Krank­heitsbild als vielmehr Symptom, vielleicht sogar Signatur unserer durchkapitalisier­ten Moderne. 

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die globalisierte Überflussgesellschaft im Messie ihren eigentlichen Exponenten ge­funden hat.

Im Zeichen der Globalisierung wächst die Unübersichtlichkeit, die den Messie, als Reaktion auf das wachsende Chaos,an allem festhalten lässt.                                                                                            Mit beste­chender Konsequenz: Wo es keine letzt­gültigen Werte oder zumindest einen line­aren, zielgerichteten Fortschritt gibt, wo nur noch das postmoderne »Anything goes« gilt, ist alles gleich wert – und gleich bewahrenswürdig. 

Der vermüllte Mensch wäre somit tat­sächlich Avantgarde der globalisierten Mo­derne. Avantgarde in einer Welt, die von immer mehr Menschen als permanente Entwertung des vormals Werthaltigen und, im Gegenzug, als permanente Aufwertung des vormals Wertlosen erlebt wird. Wir alle erfahren täglich, wie aus eben noch wertvollen Dingen, etwa Schallplatten, bin­nen kurzer Zeit wertloses Zeug, ja Schrott, werden kann, und umgekehrt sprichwört­lich »aus Scheiße« Gold, nämlich gewalti­ge Einnahmen – ob im »Big Brother«-Con­tainer oder beim Verspeisen von Maden und Kakerlaken im »Dschungelcamp«.

Der Profanierung des vormals »Heili­gen« in den westlichen Konsumgesellschaf­ten entspricht die Vergötzung des Profanen und, in letzter Konsequenz, sogar des Mülls.

Eine derartige Gesellschaft jedoch, die das Wesentliche nicht länger vom Unwesent­lichen scheidet, macht ihrerseits alles auf­bewahrenswert. Und wer wüsste wirklich noch objektiv zu definieren,                             was morgen Wertsache und was schlichtweg Müll ist?

Der rasende Wertverlust macht auch vor den Menschen nicht Halt. Der durch den beschleunigten Kapitalismus gefor­derte »flexible Mensch« (Richard Sennett) ist immer weniger zur Herausbildung ei­nes echten Charakters in der Lage. Wenn der auf sich selbst zurückgeworfene Jobber oder »Freelancer« für die nächsten Jahre oder Monate nicht mehr auf eine feste Tätigkeit zählen kann, erhält für ihn alles in seinem Leben eine konkrete Verwer­tungsbedeutung.

Das Festhalten an Allem und Jedem erscheint somit keineswegs als irrational, vielmehr als adäquate Reaktion auf eine rational nicht mehr fassbare, post­moderne Welt.

Der hortende Mensch klammert sich deswegen an seine gesammelten »Schätze«; sein Chaos schützt ihn vor Identitätsver­lust und gibt ihm zugleich ein Gefühl der Sicherheit. 

                           »My mess is my castle« –  meine Unordnung ist meine Burg.

Die Messie-Bohème

Wenn aber, wie weitgehend erwiesen ist, ei­ne traumatische Verlusterfahrung der häu­figste Ursprung des Hortens ist, dann ver­weist auch das auf eine heute verbreitete Erfahrung. Im digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ist die Möglichkeit des Verlustes total und gleichzeitig alltäglich geworden. Der jüngste Crash des Finanzka­pitalismus hat exemplarisch gezeigt, dass sich vermeintliche Millionenwerte von ei­nem Tag auf den anderen in Nichts auf­lösen können. Als einziger Schutz gegen eine derartige Katastrophe erscheint nur der Besitz von Information und Wissen.

Die digitalisierte Wissensgesellschaft bringt daher eine neue Art hortender Menschen hervor, die digitale Spielart des Messie. Die wirkliche Avantgarde, die Mes­sie-Bohème, sammelt ihre Informationen längst virtuell – im unendlichen Raum des Cyberspace. Auch in dieser Hinsicht erle­ben wir eine Zweiteilung der Gesellschaft. Die einen, die global Abgehängten und Überflüssigen der neuen Moderne, halten sich in sentimentaler Anhänglichkeit an die rasend schnell vergängliche Hardware des 20. Jahrhunderts; sie sammeln Schall­platten und Plattenspieler, Cassetten und Rekorder, obwohl deren Zeit unweigerlich abgelaufen ist. Die anderen, die digitalen Messies, sammeln Gigabyte um Gigabyte an Daten; sie stellen komplette Musik- oder Filmsammlungen auf winzigen Daten­speichern zusammen.

 

Ihre Gefährdung aber bleibt grundsätz­lich die gleiche. Auch wenn der digitale Messie nicht von seinem eigenen Müll er­stickt zu werden droht: 

Das Netz als Ort seiner Sammelleidenschaft muss nicht we­niger gefährlich sein. 

Im Gegenteil: Das Wissen, auf das heute angeblich alles an­kommt, wächst dort tendenziell ins Unend­liche, es kann mithin ad infinitum   gesam­melt und gehortet werden. So ist der digita­le Messie dazu gezwungen, ständig auszu­wählen. Eben das aber stellt für ihn das größte Problem dar. Nicht ohne Grund träumen viele digitale Messies vom perfek­ten Archiv, ohne es je zu erreichen. Zwar lie­fert die Festplatte den erforderlichen, fast unbegrenzten Raum für Daten, sie stiftet aber von sich aus noch keine Ordnung.

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass Menschen mit guter Bildung und von breit gefächerten Interessen durch die digitale und reale Vermüllung besonders gefährdet sind. Je ausgeprägter die intellektuelle Neu­gierde, desto unbegrenzter die potenzielle Sammelwut. Ohnehin haben wir es bei hor­tenden Menschen oft mit kreativen Personen zu tun.                     

Viele große Künstler – Picasso, War­hol, Neruda – waren manische Sammler.

Die tragische Vergeblichkeit des Messie

Eines ist deutlich: Chaosmenschen machen keineswegs den Bodensatz der Gesellschaft aus, sie finden sich in allen Schichten und Altersgruppen. Heute gehen Experten auf­grund von Schätzungen davon aus, dass etwa 15% der Bevölkerung Elemente des Messie-Erlebens kennen. Zwar ist das Phä­nomen der Vermüllung noch keine Volks­krankheit wie die Depression, aber es steht mit dieser in dramatisch enger Verbindung. Denn obwohl wir in einer unendlich offe­nen, globalisierten Welt leben, die digital noch »unendlich weit« darüber hinaus reicht, werden die Handlungsspielräume des Einzelnen anscheinend immer kleiner. Am Ende der permanenten konkurrenzge­steuerten Selektion steht millionenfache Überflüssigkeit.

Für dieses Phänomen tragischer Ver­geblichkeit ist der Messie ein sichtbares Zeichen. Die räumliche Enge des vermüll­ten Menschen entspricht der Enge seines Handlungsspielraums. Wie Sisyphos plagt er sich Tag für Tag an den eigenen Müllber­gen, an der »ungeheuren Last des Über­flüssigen«, bei dem vergeblichen Versuch einer Ordnung der Dinge und des Lebens in seiner immer kleiner werdenden Welt. Gelingt es der kapitalistischen Gesellschaft nicht, die permanenten Erlebnisse des Scheiterns und des Verlustes durch andere Formen der Anerkennung zu kompensie­ren, werden in Zukunft immer mehr Men­schen Heil und Halt im eigenen Müll suchen – dem letzten Hort ihrer Sicherheit. 

Albrecht von Lucke

albrecht.vonlucke@blaetter.de